Gewinner*innen 2019

Bester Spielfilm lang: Tak sebe zima (Bad Bad Winter), Regie: Olga Korotko

In einer winterlichen Stadt im postsowjetischen Kasachstan reist eine junge Frau in ihre Vergangenheit zurück. Dinaras Großmutter ist gestorben. Ihr gemütliches Haus ist aus Holz, gefüllt mit Teppichen, Erinnerungsstücken und einer Truhe voller Geld. Schon bald klopft die Vergangenheit an die Türen. Regisseurin, Produzentin und Drehbuchautorin Olga Korotko verwandelt in ihrem faszinierenden Spielfilmdebüt ein einfaches Szenario in eine moralische Geschichte griechischen Ausmaßes. Meisterhaft entfaltet sie in ihrem Film ein intimes Spiel von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Recht und Unrecht, Privileg und Armut, von Ehrlichkeit und Korruption. Die Bilder der Kamerafrau Aigul Nurbulatova zeigen die Umgebung Dinaras mit großer Sorgfalt, Klarheit und Details: Eine Figur im Schnee, eine Topfblume, ein hässliches Bild auf einem Stuhl. Abbildungen von Innenräumen, die sich bald in ein Gefängnis verwandeln und Nahaufnahmen einer Gruppe junger Erwachsener, die versuchen, ein moralisches und finanzielles Dilemma zu lösen. Tolganay Talgat, die Dinara spielt, ist eine Offenbarung. Ihr Gesicht verbirgt mehr, als es enthüllt und gibt dem Publikum eine faszinierende Mischung aus Tiefe und Mehrdeutigkeit. Wie das Drama des Films ist auch Talgats Stück subtil und zunächst zurückgenommen, bis am Ende eine überraschende Metamorphose wartet. Wir schätzen Olga Korotkos BAD BAD WINTER als eine große künstlerische Leistung aller Departments, als klaren, aber kontroversen Kommentar und hoffen, in Zukunft viel mehr von ihr zu sehen.

Bester Kurzfilm: Gusanos de Seda (Silk Worms), Regie: Carlos Villafaina

Sensibel und kinematografisch subtil inszeniert der Film die Gefahr von Entfremdung. Der Kampf des um Autonomie ringenden Protagonisten zieht uns immer tiefer in die scheinbar festgefahrene Dynamik. Seine Mutter ist gehetzt und bangt um ihren Job. Je vorwurfsvoller die Alleinerziehende ihm familiäre Aufgaben aufbürdet, desto angespannter das Mutter-Sohn Verhältnis. In zärtlich-eindringlicher Weise zeichnet der Regisseur das Porträt einer verlorenen Kindheit, was sich tief in die Herzen des Zuschauers meißelt. Der Kurzfilmpreis geht einstimmig an: SILK WORMS von Carlos Villafaina.

Bester Dokumentarfilm: სოციუმის პატიმარი (Prisoner of Society), Regie: Rati Tsiteladze

Stilsicher, unkonventionell und dicht erzählt der Regisseur Rati Tsiteladze über Adelinas Dilemma, die im Körper eines Jungen geboren wird, aber eine Frau sein will. Sie fühlt sich als Gefangene ihrer Eltern und der Gesellschaft Georgiens. Mit wenigen, aber gut gesetzten formalen und künstlerisch überzeugenden Mitteln, wird dem Zuschauer die Ambivalenz der Geschlechterzugehörigkeit bewusst. Man begreift dabei sehr nahe ihre gefährdete Situation und die Sprachlosigkeit, Wut und Sorge der Eltern. Formatwechsel, Dokumentarmaterial, ein Interview, bei dem die Regie den Raum verlässt, das Spiel mit Unschärfe, eine ungewöhnliche O-Ton Montage und der Umgang mit Stille sind die filmischen Mittel, die den Film so besonders machen. Er gleicht einem Feuerwerk: Nach kurzer Zeit ist der Rausch der Lichter vorbei und ein tiefer Eindruck bleibt.

Eine lobende Erwähnung ergeht an ET ARNAUD (And Arnaud), Regie: Thomas Damas:
Thomas Damas portraitiert in seinem kurzen Dokumentarfilm seinen großen Bruder Arnaud. Zwischen beiden besteht ein Verhältnis der Zugewandtheit und Verständnissuche, denn Arnaud ist schwer alkoholkrank und auf dem besten Weg sich zu Tode zu saufen. Dem Regisseur gelingt das dabei schwer zu machende: Er denunziert seinen Protagonisten nicht, es findet keine Bloßstellung statt. Dem offenen Ringen der Brüder um eine ungute Vergangenheit und um die gegenseitige Liebe zusehen zu dürfen, ist ein behutsames und anrührendes Ereignis.

Beste Produktion: Der Käpt’n (The Captain), Produktion: Friederike Weykamp, Simona Weber & Benjamin Zerhau

Was macht gute Produzentinnen und Produzenten aus?
Sie müssen einen bunten Strauß an fachlichen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten besitzen. Sie sind Organisationstalente, kreative Visionäre, Inhaltsliebhaber, Finanzierungsexperten, Menschenkenner, Netzwerker, Motivatoren, bisweilen gezwungenermaßen auch mal Bremser, Korrektiv, Teamplayer, Kommunikatoren, letzte Verteidigungslinie, Projektmanager und noch so vieles mehr. Die Produktion bildet das Herzstück jedes filmischen Projekts, alle Fäden laufen hier zusammen, um weiter gesponnen zu werden. Läuft die Produktion rund, läuft das Projekt rund.

Das durch uns dieses Jahr ausgezeichnete Werk vereint anschaulich fast alle der eben genannten Punkte. Eine enge kreative Zusammenarbeit mit Autoren und Regie auf Augenhöhe, schon in der frühen Phase der Idee und Entwicklung des Stoffes. Eine gemeinsame Vision und das Verfolgen selbiger als Team, trotz eventueller Hürden. Das Finden kreativer Lösungswege, um auch mit begrenzten finanziellen Möglichkeiten das Projekt möglichst ohne Abstriche und große Kompromisse durchzuführen. Eine bestmögliche Organisation und Planung aller Arbeitsprozesse, um das Projekt sauber ins Ziel zu bringen. Und die nötige Portion Gelassenheit und Optimismus gegenüber unvorhersehbarer Faktoren. Herausgekommen ist ein Film, dessen ehrliche, menschliche Geschichte unter die Haut geht. Der bodenständig bleibt und ohne viel Tam-Tam und Effekthascherei, konsequent erzählt wird. Und dem man die herausragende Leistung von Produzenten und vor allem auch Produzentinnen über die gesamte Strecke anmerkt.
Der Preis für die „Beste Produktion“ in diesem Jahr geht an Friederike Weykamp, Simona Weber und Benjamin Zerhau für Ihren Film „Der Käpt’n“.

Bester Genrefilm (Publikumspreis): 8:27, Regie: Matthias Kreter

Bester Animationsfilm: Good Intentions, Regie: Anna Mantzaris

Ein überwältigendes Schuldgefühl infolge einer Straftat, steigert sich in diesem stilistisch originellen Film zu einer wahren Obsession. Sie gipfelt, als visuelle Metapher der Scham, Gewissensbisse und Angst vor Entdeckung, in einer Beinahe-Auflösung des eigenen Ichs. Die Transformation wirkt umso eindrucksvoller, da sie, in den mit viel Liebe zum Detail gestalteten Sets, als anspruchsvoll poetischer Puppentrick-Thriller inszeniert wird, der den Zuschauer in seinen Bann zieht. Daher geht der erste Preis der Jury in der Kategorie Animationsfilm einstimmig an: Anna Mantzaris für GOOD INTENTIONS.

Bester Kinderfilm: NÖ!, Regie: Christian Kaufmann

Unsere Entscheidung für den besten Kinderfilm fiel auf einen Film, der uns mit seiner Nachricht überzeugt hat: Nicht Aufgeben!
Jeder von uns kennt die Situation, in der man am liebsten aufgeben wollte. Der Film zeigt mit seiner tollen Geschichte das es wichtig ist, den Mut nicht zu verlieren. Denn man sollte die Dinge tun, die einem wichtig sind, damit man am Ende seines Lebens nicht bereut, etwas nicht getan zu haben. Deshalb geht der Preis für den besten Kurzfilm an NÖ!.

Bester Jugendfilm: Sisters, Regie: Daphne Lücker

Unser Gewinnerfilm kommt ganz ohne Dialoge aus. Kommuniziert wird durch die intensive Choreografie der drei jungen Darstellerinnen und das ästhetisch hochwertige Szenenbild. Durch den Tanz und das kammerspielartig reduzierte Arrangement, werden Schmerz und Glück der Protagonistinnen vermittelt. Hier wird dem Publikum keine simple Message auf dem Silbertablett serviert. Jede und jeder nimmt aus diesem Film etwas anderes für sich mit – das hat die Teens-Jury überzeugt. SISTERS wird man so schnell nicht wieder vergessen.

Bester 360°-Film: Fluchtpunkt (Vanishing Point), Regie: Béla Baptiste

FLUCHTPUNKT besticht durch die innovative Idee, zwei Handlungsstränge parallel in 360° darzustellen und nutzt das Medium in hervorragender Weise, um die Geschichte aus zwei verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Der Übergang auf der Bildebene erfolgt „seamless“ und mittels Spatial Sound wird die Orientierung zwischen den beiden Handlungssträngen erleichtert. Das Storytelling ist schlüssig, selbst wenn der Zuschauer einzelne Elemente verpasst. Dem Regisseur ist es gelungen, trotz der Gleichzeitigkeit vieler Ereignisse, dass der Zuschauer der Handlung folgen kann. Dadurch ist ein außergewöhnlich gut funktionierendes Beispiel für eine Parallelmontage entstanden.

Best Screenplay: Refugium, Author: Susann Schadebrodt

Unser Gewinnerdrehbuch ist atmosphärisch und visuell dicht erzählt, hat pointierte Dialoge und einen bestechenden, lakonischen Humor. Besonders lobenswert fanden wir die detaillierte visuelle Ausarbeitung des Settings und die große emotionale Nähe zu der Hauptfigur. Gerade für eine erste Fassung finden wir das Drehbuch schon sehr weit ausgearbeitet, selbst die Nebenfiguren sind schon gut in ihrer Komplexität zu erahnen. Wir sind gespannt auf den Film und wünschen der Preisträgerin Susann Schadebrodt und ihrem Drehbuch REFUGIUM einen spannenden weiteren Entwicklungsweg.

Best Pitch: All Roads Lead To No Home, Idea: Afraa Batous

Authentisch, emotional, mitreißend – so hat uns besonders ein Pitch überzeugt. Eine gute Geschichte schafft es, uns einen neuen Blick auf ein vermeintlich bekanntes Thema zu eröffnen, was diesem Pitch auf eine sehr persönliche Weise gelingt. Er erzählt von einer Reise weg von einer fremdbestimmten Identität hin zu einem selbstbestimmten, positiven Selbstbild. Können Geflüchtete Touristen sein? Wir sind gespannt, welche Antwort der Film auf seiner Reise finden wird und vergeben den Preis für den besten Pitch an den Dokumentarfilm ALL ROADS LEAD TO NO HOME von Afraa Batous (Produktion: Lorena Junghans). Wir möchten die Preisträgerin dazu ermutigen, auf die persönliche Stärke der Erzählung zu vertrauen und sich als Ich-Erzählerin in das Zentrum ihrer Geschichte zu stellen.

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