Gewinnerfilme 2018

Bester Spielfilm: Brut

Regie: Constantin Hatz

Jurybegründung: Wir alle hatten das Gefühl, dass es nicht unsere Aufgabe ist den “besten” Film auszusuchen: Anstatt nach Superlativen zu suchen, haben wir nach einem Film gesucht, welcher uns beeindruckt und andere Filmemacher inspirieren könnte. Wir wollten überrascht werden und etwas über die Art und Weise lernen wie man Realität sehen und erschaffen kann. Der beste “Studentenfilm” ist für uns ein Film, welcher nicht perfekt sein muss, aber seinem eigenen Standard gerecht wird. Bevor wir unseren Sieger ankündigen möchten wir an dieser Stelle einen weiteren Film besonders hervorheben, welchen wir als den “gegenteiligen Zwilling des Siegerfilms” ansehen.Yoko Yamanakas “Amiko”.  Die junge Heldin aus Nagano in Amiko zeigte uns Liebe in einer Welt ohne Liebe. Sie zeigte uns Sturheit in einer Welt getrieben von Bequemlichkeit. Mit einer verspielten Entschlossenheit bekommt Amiko nicht den für sie ausgewählten “Mr. Right”, aber sie schafft es trotzdem sich selbst zu finden als sie nach eben diesem sucht. Mit einer verspielten “Nicht-Botschaft”, einem offenen Stil und einer überraschenden Handlung ist “Amiko” ein großartiger Film und perfekt in seiner verspielten Unperfektkeit. Der Film, den wir als “Gewinner” oder “besten Film” aussuchen, obwohl es uns lieber wäre, ihn als “meist inspirierenden Film” für zukünftige Filmemacher zu bezeichnen, ist auf den ersten Blick ein perfekter Ausbeutungsfilm, der Sex, Horror und ein exquisites Setdesign mit erloschenem Feminismus und der Hass-Liebe zwischen Mutter und Tochter, gepaart mit bizarren Ritualen in einem gefängnisartigen Setting kombiniert. BRUT (Regie und Drehbuch: Constantin Hatz) nimmt sein Publikum mit auf eine Reise in den Abgrund der weiblichen Seele und gleichzeitig in das Reich des “Arthouse” Films und den wahren Sinn der Welt. Bis zu seinem düsteren Ende schöpft der Film das Konzept der “Suspensions of Disbelief” vollkommen aus. Wir sind der Meinung, dass die kranke, allerdings trotzdem auf eine Art liebende Mutter so echt ist wie ihre wunderschöne Tochter, die sich im ständigen Wechsel von Gehorsamkeit und Rebellion befindet. BRUT ist auf der einen Seite ein kaltes, ablehnendes und diszipliniertes Werk des Filmhandwerks in welchem Luise Aschenbrenners und Anja Schneiders Charaktere mysteriös und starr wirken durch die sorgfältig gestaltete Szenerie, das Fehlen von Musik und die atemberaubende Hingabe. Auf der anderen Seite ist BRUT eine leidenschaftlich verstörende, in einer Art sehr deutsche, Arbeit von Größenwahn und von Hilfslosigkeit, auf die sie beruht. Zusammenfassend ist BRUT ein Film, der seine Perfektion so sehr aufzeigt, wie er sie gleichzeitig hinterfragt. Wir möchten den Preis für den besten Spielfilm einem Film geben, der uns ao mitgerissen, aufgewühlt und beeindruckt hat, wie es nur wirklich gute Filme können.

Bester Spielfilm kurz: Rå

Regie: Sophia Bösch

Jurybegründung: Rå erzählt nicht nur die großartige Geschichte einer Initiation. Der Film nimmt den Zuschauer auf eine sinnliche Kinoerfahrung mit. Neben dem weiten Spektrum menschlicher Gefühle erlebt der Zuschauer hautnah Eindrücke wie das Gewicht eines Elchs, den bittersüßen Geschmack einer winzigen Waldbeere, die feuchte Wärme einer Hundeschnauze und den lebendigen Wald in der Wildnis seiner selbst. Rohes und Delikates scheinen zwingend miteinander verflochten zu sein. Darüber hinaus schafft Bösch es in einer so subtilen und sensiblen Art und Weise symbolische Archetypen zu etablieren und diskutieren, dass diese Coming of Age Parabel sowohl moderne als auch universelle Aspekte vermittelt. Familien- und Gruppendynamiken wirken sehr familiär und authentisch, denn die Charaktere sind mit einer großzügigen Bandbreite und hingebungsvollen Ausdauer ausgestattet. Diese Filmemacherin verurteilt ihre Charaktere nicht, sie hört ihnen zu und folgt ihnen in ihrer jeweiligen Logik als vielschichtige Wesen. Dadurch erreicht Rå es sowohl, ein System zu offenbaren, als auch eine tiefgreifende Realisierung einer jungen Frau zu porträtieren, ohne jegliche Charaktere untergehen zu lassen. Obwohl man dazu tendiert, diese Geschichte als feministisches Statement und damit als eine Emanzipation in einer Ära von Mansplaining und männlichem Anspruch zu deuten, ist die Perspektive der Filmemacherin nicht speziell feministisch. Was so erstaunlich daran ist, ist die objektive Natur, emporsteigend aus einer wahrlich erbarmungsvollen und ganzheitlichen Perspektive.

Beste Produktion: Tracing Addai

Produktion: Britta Strampe

Jurybegründung: Von den vielen starken Beiträgen, die wir anschauen durften, haben wir uns für einen Film entschieden, der uns von der ersten Minute an emotional berührt hat. Der Mut, die produzentische Entschlossenheit und Durchhaltevermögen sowie die Präzision, mit der das Projekt über Jahre gestaltet wurde, haben uns beeindruckt; die politische Relevanz hat uns ebenso wie die dramaturgische Konsequenz und Vielschichtigkeit überzeugt. Mit einer eigenen, stilsicheren visuellen Sprache wurde ein Weg gefunden, eine Geschichte fesselnd zu erzählen und Orte zu besuchen, die wir so nicht hätten sehen können. Der Preis für die beste Produktion geht an die Produzentin Britta Strampe für ihren Film Tracing Addai.

Bester Dokumentarfilm: Meuthen’s Party

Regie: Marc Eberhardt

Jurybegründung: Der Einzug – Meuthen’s Party, „Son Scheißdreck…“- die Worte, mit denen der Film beginnt. Regisseur Marc Eberhardt zeigt uns wie geschmeidig sich AfD-Spitzenkandidat Jörg Meuthen durch die Wahlkampf-Veranstaltungen in Baden-Württemberg manövriert. Die Kamera bleibt immer nah dran, an diesem aalglatten „Schaf in Jack Wolfskin“. Im Taumel der erfolgreichen Wahl, zeigt Meuthen dann sein wahres Gesicht. In diesen Momenten decodiert der Film das doppelte Spiel des Protagonisten. Ein wichtiger Film, der genau beobachtet und uns einlädt darüber nachzudenken, wie Rechtspopulisten es schaffen, in der Mitte unserer Gesellschaft rechtes Gedankengut – wieder – salonfähig und erfolgreich zu machen. „Son Scheißdreck…“ Ist diese Demokratie überhaupt noch in der Lage, ihre Werte zu verteidigen?

Bester Dokumentarfilm kurz: Kristians Prelude

Regie: Winand Derks van de Ven

Jurybegründung: Betroffen zu sein, ohne Betroffenheit zu zeigen, ist große Kunst! Das kann einem gelingen, wenn man beispielsweise als Macher selbst dem Protagonisten nahe steht. Muss es aber nicht. In diesem Fall ist es glücklicherweise dem Freund, Bandkollegen und Regisseur Winand Derks van de Ven in Kristians Prelude dank eines ordentlichen Schusses trockenem Humor, erzählerischer Zurückhaltung und natürlich Kristian selbst gelungen. Und dennoch – Bei aller tiefer Betroffenheit bedeutet sie doch absolut rein gar nichts gegenüber dem leisen, schweren und nicht zuletzt einsamen Kampf, den der bemerkenswerte Kristian gegen seinen Hirntumor führt. Wir kennen bestimmt alle solche Momente, in denen einem die Worte fehlen. Dies ist so ein Moment. Kristian – alles Gute!

Bester Animationsfilm: Cream

Regie: Lena Ólafsdóttir

Jurybegründung: Cream, Regie und Buch von Lena Ólafsdóttir, hat einen witzigen, überraschen und grotesken schwarzen Humor, mit dem er die Banalität des Lebens kommentiert. Diese verdrehte Episode im Wartezimmer dreht sich um die Unvermeidlichkeit des Schmelzens einer Eiskrem. Leben und Tod blitzen absurd vor unseren Augen während das Gesundheitssystem passiv mit Abwesenheit glänzt. Cream folgt wie durch eine „Big Brother“ Sicht, gedreht wie mit einer Überwachungskamera, für voyeuristische Zuschauer gemacht. Mit unheimlich kleinen Details und fast ruckartigen Close-Ups auf die verschiedenen Charaktere, Cream behält sein Publikum durch die unerwarteten Wendungen der Spielfiguren. Der Film schafft eine überspitze Charikatur  über das Schlimmste der menschlichen Natur mit einem überraschenden Ende, welches auf weitere Wartezimmerrunden  weiteren Horrors verweist.

Bester Genrefilm: Mascarpone

Regie: Jonas Riemer

ausgewählt vom Publikum

Bestes Musikvideo: Es ist schon okay

Regie: Jonatan Geller Hartung

ausgewählt vom Publikum

Bester Kinderfilm: Made in France

Regie: Lamia Akhabbar, Robin Cioffi, Brice Dublé, Stanislav Gruénais, Maxime Guerry & Alexia Portal

Jurybegründung: Wir, die Kinderjury von Sehsüchte 2018 fanden, dass „Made in France“ den Preis verdient hat, weil uns seine kreative Machart und seine bunten Bilder sehr gefallen haben. Man sieht, dass in diesem Film sehr viel Arbeit, Liebe und Zeit investiert wurde. Die Animation hat mit unseren Augen gespielt und uns sehr beeindruckt. Sein Aufbau mit dem überraschenden Ende war sehr gut durchdacht und hat uns oft zum Lachen gebracht.

Bester Jugendfilm: Sirene

Regie: Zara Dwinger

Jurybegründung: Die Wahl fiel uns sechsköpfiger Future Teens Jury nicht leicht. Letztlich fiel die Entscheidung auf den niederländischen Kurzfilm ‘Sirene’. Uns hat besonders sein toller Soundtrack überzeugt. Auch das hervorragende Schauspiel fanden wir toll. Sirene befasst sich auch mit den Themen Transsexualität und Transgender, und lässt die Zuschauer*innen nachdenklich aus dem Kino gehen. Deshalb hat für uns dieser Film gewonnen.

Bestes Drehbuch: Le Heder

Drehbuch: Ella Cieslinski

Jurybegründung: Ella Cieslinski erzählt in LE HEDER auf eindrückliche Art und Weise die Geschichte einer bretonischen Familie, die sich anlässlich des 40. Hochzeitstages der Eltern auf deren abgelegenen Anwesen versammelt. In der komplexen Familiendynamik spiegeln sich nicht nur alte innerfamiliäre sondern auch aktuelle politische Konflikte Europas wider. Die Jury überzeugte besonders die atmosphärische Geschlossenheit und  die ausdifferenzierte Figurenzeichnung dieses DIESES ENSEMBLESTÜCKS.

Bester Pitch: Das kaputte Mädchenkollektiv

Pitch: Uta Hörmeyer

Jurybegründung: Das kaputte-Mädchen-Kollektiv überzeugt vor allem durch die Wahl seiner Figuren und durch die potenziell starken und interessanten Konflikte. Die berufliche Nähe der Autorin zur Lebenswelt der Protagonisten lässt auf ein lebendiges und authentisches Portrait einer Mädchen Generation hoffen.